Das alte Freibad ist Vergangenheit. Aufs Badevergnügen unter freiem Himmel
werden die Waiblinger zwar auch in
Zukunft nicht verzichten müssen, es
wird ja ein neues Freibad gebaut. Aber
es gab eine Zeit ohne: Die Städter
schwammen in der Rems. Die Einwei-
hung des Bades 1936 verlief typisch für
ihre Zeit: Sie geriet zu einer grotesken
Lobhudelei ans NS-Regime.
1842 gab der „Remstalbote" bekannt, dass
beim Schießhaus auf dem Wasen zwei Ba-
dehäuschen „zum, Gebrauche für jeder-
mann" errichtet worden seien. Auf Ge-
schlechter-Trennung wurde freilich geach-
tet: Unterhalb des Wehrs der Häckermühle
war ein Badeplatz für die weibliche Jugend
reserviert, von dem die männliche Jugend
&erforderlichenfalls durch Strafen zurück-
gehalten" wurde.
Offenbar frönten bis Ende des 19. Jahr-
hunderts nur junge Leute und Kinder dem
Badespaß. Auch als 1884 „400 Meter ober-
halb der äußeren Kirche" ein „Herrenbade-
platz" eingerichtet wurde, blieb das
Schwimmen für Frauen tabu. Das Bad am
Luisenweg war um die vergangene Jahr-
hundertwende die erste städtische Badean-
stalt, nachdem sich die Gebrüder Hahn von
der Bürgermühle über das „unsittliche Ver-
halten" der Leute vor ihrem Haus be-
schwert hatten. Es seien vor allem Erwach-
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sene, die „kleine Badehosen" tragen.
1921 öffnete eine Flussbadeanstalt beim
E-Werk. Die Badeordnung verlangte aus-
drücklich, dass männliche Besucher eine
Badehose und weibliche einen Badeanzug
zu tragen hatten. „Die Badenden haben sich
überhaupt in jeder Beziehung gesittet zu
betragen."
Aber die Verschmutzung der Rems nahm
zu und vergällte den Städtern das Baden,
1934 wurde es gar verboten. Die Einwei-
hung des neuen Freibads am 17. Mai 1936
war ein Fortschritt, den der nationalsozia-
listische Ortsgruppenleiter Huber und an-
dere Lokalprominente als Erfolg der Bewe-
gung und sogar von Adolf Hitler persönlich
feierten. „Alle Leibesübungen müssen
Dienst am Volk sein", schärfte Landes-
sportführer Klett aus Stuttgart den Besu-
chern ein. Und auch Bürgermeister Alfred
Diebold äußerte die Hoffnung, dass aus dem
Bad „junge und alte Menschen steigen, die
an Leib und Seele neu gekräftigt sind und
bereit stehen, ihre Lebensaufgabe für ihr
Volk zu erfüllen".
Etwas Unterhaltsames gab's zur guter
Letzt denn aber doch noch: Schwimmerin-
nen und Schwimmer aus Stuttgart zeigten
unterschiedliche Stile von Brust bis Rü
cken. Und wer dachte, Synchronschwim-
men sei nicht sonderlich populär, der wird
bei der Lektüre des „Remstalboten" eines
Besseren belehrt: „Besonderen Beifall fand
das formenreiche Figurenlegen der Cann-
statter Schwimmerinnen."
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